Die Hoffnung am Boden
Einsamkeit trifft auf Hoffnung.
Der Supermarkt-Kassierer ist der erste Mensch, der in dieser Woche mit mir spricht. Es ist Donnerstag.
"Schönen Tag noch", sagt er mechanisch, ohne aufzublicken. Ich nicke, krame mein Kleingeld zusammen: drei Worte nur, und doch tun sie mir gut.
Zu Hause öffne ich den Kühlschrank. Eine Packung Milch, fast leer. Drei Joghurts mit demselben Verfallsdatum. Ein verwelkter Salat. Alles für eine Person portioniert.
Früher standen hier Familienpackungen, die Lieblingssachen der Kinder, Walters Weißwein. Jetzt nur noch Miniportionen eines Mini-Lebens.
Aus dem Fernseher höre ich eine vertraute Stimme. Frank Tormann, mein Lieblingssprecher! Nach all den Jahren kenne ich jeden Tonfall, jede Pause. Ist es schon wieder 17:00 Uhr?
"Der Krieg in der Ukraine eskaliert weiter …"
"Schlimme Zeiten, Frank", murmele ich.
"Hungersnot im Gaza-Streifen …" Ich nicke traurig.
Nahtlos geht es weiter: Klimawandel, Wirtschaftskrise, Erdbeben, eine endlose Litanei. Frank macht eine Pause. "Als hätte jemand die Büchse der Pandora geöffnet."
"Genau das, Frank." Ich seufze tief. "Weißt du auch, was in der Büchse zurückblieb? Die Hoffnung." Meine Stimme wird bitter. "Am Boden der Büchse. Genau wie ich am Boden meines Lebens."
Plötzlich dreht sich Frank in meine Richtung. Seine Augen sind wärmer als sonst. "Es gibt auch gute Nachrichten: Ein Zimmermann aus Israel gewinnt den Umweltpreis für nachhaltigen Hausbau …"
Mein Herz stockt. Ich runzele die Stirn. Redet Frank wirklich mit mir?
"Ein 33-jähriger Mann rettet einen Ertrinkenden …"
Die Zahl lässt mich aufhorchen. 33 Jahre …
"Ein Wanderprediger wäscht Obdachlosen die Füße …"
Meine Kehle wird eng. "Frank, was redest du?"
Er zwinkert mir zu: "Pass auf: Die berühmte Christus-Statue in Rio wird heute nach dreijähriger Renovierung enthüllt!"
Ich muss mich setzen. Frank sieht mich direkt an, ein aufmunterndes Lächeln auf den Lippen. Plötzlich zieht ein Flackern über den Bildschirm. Dann ist es vorbei.
Ich sitze da, das Herz wild klopfend. Wie betäubt starre ich auf den Fernseher. Eine ferne Erinnerung steigt auf. Meine Mutter, wie sie mir Geschichten vorliest. Aus einem Buch, das ich schon lange nicht mehr lese. Von einem Mann, den ich vor langer Zeit verloren habe.
Von einem Mann, der vielleicht noch da ist.
Der vielleicht die ganze Zeit da war. Am Boden. Wartend.
Den Rest des Abends habe ich mit ihm gesprochen. Und das erste Mal seit langer Zeit spüre ich keine Einsamkeit.


