Die Programmiersprache Gottes
Cleverness ist kein Beweis – Ein Gespräch über Glaube und Logik
„Sie haben uns belogen.“
Tobias erstarrt. Der hochgewachsene junge Mann vor ihm in der Schlange im Café hat sich umgedreht. Es ist Tim, ein ehemaliger Schüler aus der Vierten. Die Espressomaschine zischt im Hintergrund, fast wie ein Warnton. Tobias erkennt ihn sofort, dabei muss es 10 oder mehr Jahre her sein, dass er ihn das letzte Mal gesehen hat.
Ein süffisantes Lächeln zieht über Tims Gesicht. „Sie kennen mich doch noch, oder?“
Tobias nickt. „Was meinst du mit …“
Tim lacht: „Keine Panik! Ich mach’ das gerne, die Leute ein bisschen schocken. Aber ehrlich, ich hab neulich an Sie gedacht. In der Vorlesung über formale Logik.“
„Nur Gutes, hoffe ich?“ Tobias versucht ein Lächeln.
„Na ja …“ Tim zuckt die Achseln. „Wir haben über Indoktrination gesprochen. Und da fiel mir Ihr Reli-Unterricht ein.“ Herausfordernd sieht er Tobias an.
Die Schlange rückt vor. Noch drei Kunden vor Tim. Der süße Duft von Zimtschnecken aus der Vitrine mischt sich mit dem beißenden Aroma von frisch gemahlenem Kaffee.
„Indoktrination“, wiederholt Tobias. „Das klingt, als hätte ich euch zum Glauben gezwungen.“
Tim zuckt die Achseln. „Haben Sie nicht? Wir waren Kinder. Wir haben Ihnen vertraut. All die Geschichten über Jesus. Die Bibel. Gott.“ Seine Finger umklammern den Geldbeutel. „Mein Professor sagt, Grundschullehrer wie Sie vergiften Kinderköpfe mit Märchen.“
Das Wort trifft Tobias wie ein Faustschlag in die Magengrube. Kurz schließt er die Augen. Vergiften. Als wäre all seine Arbeit, all seine Liebe zu den Kindern, Gift gewesen. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, sich noch schnell einen Coffee to go zu holen.
„Er sagt, ich hätte euch vergiftet?“ Tobias lächelt traurig.
Die Schlange rückt vor. Noch zwei Kunden vor Tim.
„Märchen“, murmelt Tim. „Jesus übers Wasser laufen lassen. Die Auferstehung. Kommen Sie, Herr Thaler, Sie sind doch ein intelligenter Mann. Wie können Sie das glauben?“
„Tim“, Tobias’ Stimme wird leise. „Erinnern Sie sich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter?“
„Klar. Der Typ, der dem Verletzten hilft, während die Frommen vorbeigehen.“
„Und? Ist das eine Märchen?“
Tim runzelt die Stirn. „Das … das ist was anderes. Das ist eine Metapher für …“ Er stockt, sucht nach Worten.
Tobias lässt nicht locker. „Für Menschlichkeit? Mitgefühl? Nächstenliebe über alle Grenzen hinweg?“
„Ja, aber …“
„Also hat dieses `Märchen‘ eine Wahrheit vermittelt, die du heute noch verstehst und wertvoll findest?“
Tim öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Die Schlange rückt vor. Nur noch ein Kunde vor ihm.
„Das ist Manipulation“, sagt Tim schließlich, aber seine Stimme klingt unsicher. „Sie verdrehen meine Worte.“
„Tue ich das?“ Tobias deutet auf Tims Rucksack. „Du studierst Informatik, stimmt’s? Sag mal, ist ein Algorithmus die Wahrheit oder nur ein Weg, sie auszudrücken?“
„Ein Algorithmus ist präzise. Beweisbar. Nicht wie …“ Tim gestikuliert vage. Seine Finger trommeln nervös gegen seinen Oberschenkel.
„Wie Glaube?“ Tobias nickt. „Verstehe. Aber sag mal: glaubst du an die Eleganz eines guten Algorithmus? An die Schönheit von sauberem Code?“
Tim runzelt die Stirn. Sein Blick wandert zur Seite, als suche er etwas. „Klar. Aber das ist was anderes.“
„Ist es das? Diese Schönheit: kannst du sie messen? In Bytes ausdrücken? Oder ist es ein Gefühl, eine Gewissheit, dass etwas ‚richtig‘ ist?“
Der Kunde vor Tim ist dran. Noch dreißig Sekunden vielleicht. Tim bemerkt es kaum, starrt Tobias an.
„Sie vergleichen Äpfel mit Birnen.“
„Tue ich das?“ Tobias lehnt sich leicht vor. „Du schreibst Code, richtig? Was machst du dabei eigentlich?“
„Ich übersetze Probleme in Lösungen.“
„Genau. Du nimmst etwas Komplexes, Abstraktes und machst es greifbar. Ausführbar.“ Tobias deutet zwischen ihnen hin und her. „Und wenn ich dir sage, dass Jesus Gottes Algorithmus ist? Seine Programmiersprache, um sich uns verständlich zu machen?“
Tim öffnet den Mund, schließt ihn wieder.
„Ein unendlicher Gott“, fährt Tobias fort, „compiliert sich selbst in menschliche Form. Macht das Unfassbare fassbar. Das Abstrakte konkret.“
„Das ist …“, Tim ringt sichtlich mit dem Konzept.
“Elegant?” Tobias lächelt. “Ja, vielleicht. Wie eine rekursive Funktion, die sich selbst definiert. Gott definiert sich durch Jesus. Jesus definiert sich durch Liebe. Er lebt diese Liebe, Er implementiert sie sozusagen. Wenn Jesus der Algorithmus ist, dann ist die Liebe das Ergebnis.”
„Das ist –“
„Zirkulär?“
„Ich wollte sagen –“
„Unlogisch?“
Tim schüttelt heftig den Kopf. „Nein! Es ist …“ Er verstummt.
Der Kunde vor Tim zahlt. In der plötzlich einsetzenden Stille, als auch die Espressomaschine wie auf einen Befehl verstummt, hört man nur das Klappern von Tassen.
„Sie machen aus Theologie Informatik“, murmelt Tim, aber es klingt nicht mehr spöttisch. Er schüttelt den Kopf.
Tobias antwortet nicht. Wartet nur.
„Der Nächste bitte!“
Tim starrt noch einen Moment auf Tobias.
„Was würde Ihr Gott zu diesem Gespräch sagen?“ Die Frage kommt unvermittelt.
Tobias überlegt kurz. „Vielleicht würde er fragen: Was suchst du wirklich, Tim?“
„Diese ganze Metapher … sie ist clever, das gebe ich zu.“
„Aber?“
„Aber Cleverness ist kein Beweis.“
Tobias’ nächste Frage stirbt ihm auf den Lippen. Er nickt langsam, fast unmerklich. Tim hat recht, natürlich hat er recht. Nach all den Jahren, all den schlaflosen Nächten, in denen er selbst nach Beweisen gesucht hatte – und jetzt wirft ihm ein ehemaliger Schüler genau das vor, was er sich selbst immer wieder sagt.
„Nein“, sagt er schließlich, leise. „Ist es nicht.“
Eine Pause. Tim zuckt mit den Schultern – eine Geste, die gleichzeitig Ablehnung und Hilflosigkeit ausdrückt. Dann wendet er sich zu Theke. „Einen doppelten Espresso.“
Tims Worte erinnern ihn an seine eigenen Zweifel damals im Studium. Auch er hatte nach Beweisen gesucht, hatte Gott sezieren wollen wie einen Regenwurm im Biologieunterricht. Die Wende kam durch seinen alten Mathematikprofessor. „Thaler“, hatte der eines Tages zu ihm gesagt, „Sie können die Liebe Ihrer Mutter auch nicht beweisen. Und trotzdem wissen Sie, dass sie wahr ist.“
Diese simple Bemerkung hatte ihn wochenlang beschäftigt, bis er verstand:
Glaube ist nicht das Sammeln von Fakten. Es ist eine Beziehung.
„Zwei Euro fünfzig“, sagt die Barista.
Tim kramt in seinem Geldbeutel. „Sie waren anders als die anderen Lehrer“, murmelt er plötzlich.
„Inwiefern?“
„Wissen Sie noch, wie schüchtern ich war? Überall. Außer in Reli. Da war ich der Junge mit den tausend Fragen.“ Tim zahlt, ohne hinzusehen. Seine Hände zittern, als er die Münzen abzählt. „Sie haben nie ‚falsch‘ gesagt. Nur ‘interessant, erzähl mehr.’“
Er verstummt. Für einen Moment sieht Tobias wieder den Viertklässler vor sich, wie er eifrig die Hand hebt, die Augen voller Neugier.
„Und jetzt?“, fragt Tobias leise. „Meldest du dich noch?“
Tim lacht, ein trockenes, humorloses Geräusch. „Sie haben uns behandelt, als wären unsere Gedanken wichtig. Als wären wir …“ Er bricht ab, seine Finger umklammern den heißen Pappbecher.
„Als wärt ihr was?“
„Nichts.“ Tim greift hastig nach seinem Kaffee, fast kippt er ihn um. „Als wären wir es wert, dass man uns zuhört. Aber das ist gute Pädagogik, nichts weiter.“
Die Worte hängen in der Luft. Tim erstarrt, als würde er erst jetzt begreifen, was er gerade beschrieben hat.
„Ich muss los“, murmelt er hastig. Kurz hebt er die Hand, als wolle er noch etwas sagen, dann wendet er sich ab.
„Tim?“
„Was?“ Er schaut sich noch einmal um.
„Danke für das Gespräch.“
Tobias lächelt, Tim nickt knapp und hastet zur Tür. Durch die Glasscheibe sieht Tobias noch, wie er kurz stehen bleibt, tief durchatmet, dann schnellen Schrittes verschwindet.
„Möchten Sie bestellen?“, fragt die Barista.
„Einen Kaffee zum Mitnehmen, bitte.“ Seine Stimme klingt belegt.
Er denkt an den Viertklässler Tim, der sich damals so eifrig gemeldet hatte. An all die Fragen, die der Junge gestellt hatte. Wenn Gott uns alle liebt, warum gibt es dann Krieg? Kann Gott auch traurig sein? Woher weiß ich, dass er da ist?
Damals hatte Tobias geantwortet: „Das sind wichtige Fragen, Tim. Lass uns gemeinsam nach Antworten suchen.“
Heute hat Tim immer noch Fragen.
Aber er läuft vor den Antworten davon.



sehr gut… 👍 Klasse wie alles vom Jörg😀