Freiheit hat einen Preis
Von der Kunst des Loslassens
Ich hasse Parks.
Und doch sitze ich hier auf dieser Bank, spüre die Sonne im Gesicht, und schaue Lena beim Spielen zu. Nur das. Sonst nichts. Zum ersten Mal diese Woche habe ich mein Handy in der Tasche gelassen.
Sie läuft lachend über das Gras, jagt einem Schmetterling hinterher, der in einem beständigen Auf und Ab über die Wiese tanzt. Diese Unbeschwertheit – keine Sorgen, keine Ängste, nur der Moment. Mein Herz wird schwer. Früher war ich auch so, oder? Dieser gedankenlose Tanz, diese völlige Hingabe an den Moment. Wann habe ich aufgehört, so zu sein?
Das Buch auf meinem Schoß klappe ich zu. Ich wollte lesen. Tue so, als würde ich lesen. Aber meine Augen folgen nur ihr.
Lena, mein kleiner Wirbelwind.
Für einen Moment ist alles perfekt.
„Entschuldigen Sie.“ Eine Stimme, leise, fast zögernd.
Ich schaue hoch. Neben der Bank steht ein älterer Mann mit Harke und Schaufel. Der Gärtner, heute ohne seinen üblichen Strohhut. Sein Gesicht ist zerfurcht – nicht nur vom Alter.
Sein Blick wandert zu Lena, die inzwischen mit ein paar Gänseblümchen beschäftigt ist. „Es gibt dort drüben einen eingezäunten Bereich.“ Er deutet auf einen Teil des Parks, den ich noch nie beachtet habe. Ein hoher Zaun aus Metall, etwas abseits. „Nicht viele Spielgeräte, aber … sicher. Sie könnte nicht weglaufen.“
Ich lächle freundlich. „Danke für den Hinweis. Aber Lena ist glücklich hier. Sie läuft nicht weg, da brauche ich keine Angst zu haben.“
Er nickt. Aber er geht nicht. Seine Finger umklammern die Harke. „Man denkt das immer“, sagt er leise. „Bis …“ Er lässt den Satz unvollendet, wendet sich dann aber ab.
Ich schaue wieder zu meiner Tochter. Der Gärtner harkt Laub zusammen, nur wenige Meter entfernt, doch ich spüre: Er beobachtet uns.
Minuten vergehen. Lena pflückt Gänseblümchen, reiht sie nebeneinander auf. Der Gärtner harkt weiter. Ich schlage mein Buch wieder auf, lese einen Satz, zwei. Die Anspannung in meinen Schultern lässt nach.
Als ich wieder aufschaue, rollt ein zitronengelber Ball über die Wiese. Lena sieht ihn, ihre Augen leuchten auf – und schon springt sie los, vergisst ihre sorgsam aufgereihten Gänseblümchen, als hätte es sie nie gegeben. Wie ein Blitz schießt sie dem Ball hinterher, Richtung Spielplatz am anderen Ende.
Meine Muskeln spannen sich reflexartig an. Aufspringen. Hinterher. Der Impuls schießt durch meinen Körper wie ein elektrischer Schlag. Meine Hände krallen sich in das Buch.
Nein.
Der Gärtner sieht mich an. Seine Finger umklammern den Stiel seiner Harke. Er sagt nichts, aber sieht mich flehend an.
Bleib sitzen. Zeig, dass du ihr vertraust.
„Sie kommt zurück“, sage ich. Meine Stimme klingt fremd in meinen Ohren. Zu hoch. Ich räuspere mich. „Sie kommt zurück.“
Lena rennt, ihre Zöpfe hüpfen bei jedem Schritt. So schnell ihre kleinen Beine sie tragen, immer dem gelben Ball nach. Sie erreicht den Spielplatz, schlängelt sich durch die Klettergerüste. Ich sehe ihr rotes T-Shirt aufblitzen, dann verschwindet sie hinter der großen Rutsche.
Ruhig stehe ich auf. „Sie ist nur hinter der Rutsche.“ Kurz frage ich mich, zu wem ich das eigentlich sage. Langsam gehe ich hinüber, über die Wiese und vorbei an den Klettergerüsten zur Rutsche.
Aber dort ist sie nicht.
Mein Blick fliegt über den Spielplatz. Schaukeln – leer. Klettergerüst – zwei fremde Kinder. Sandkasten. Wippe. Meine Handflächen werden feucht.
„Lena?“ Meine Stimme ist ruhig, während mein Herz hämmert.
„LENA?“
Das Lachen der fremden Kinder verstummt. Sekunden dehnen sich zu Minuten. Der Spielplatz ist plötzlich zu groß, zu leer.
Dann höre ich Schritte hinter mir. Schnell, entschlossen.
Der Gärtner. Seine Harke fällt ins Gras. „Die Hecke dort drüben“, sagt er, „manchmal kriechen sie da durch.“
Seine Stimme ist dünn, fast brüchig. Und er sieht mich nicht an – starrt nur auf die Hecke, als würde er dort immer noch jemanden suchen.
Wir rennen gemeinsam, und plötzlich bin ich nicht mehr die Mutter, die alles unter Kontrolle hat. Ich bin nur noch Angst. Reine, nackte Angst.
Hinter Büschen. Unter Bänken. Der Gärtner sucht, als ob sein Leben davon abhängt. Ich suche, weil mein Leben davon abhängt.
„LENA!“
Keine Antwort.
„Vor sieben Jahren“, sagt er, während wir weiterlaufen. Seine Stimme bricht. „Meine Kleine. Hier im Park. Ich hatte nur ein paar Sekunden nicht aufgepasst.“ Er kann nicht weitersprechen. Ich will nicht, dass er weiterspricht. Ich will nur mein Kind finden. Wo ist sie? Bitte, Gott, wo ist sie?
Der Gärtner bleibt abrupt stehen. Seine Hand schießt vor, zeigt auf ein dichtes Gebüsch. „Dort.“ Das Wort kommt wie ein erstickter Schrei.
Wir stürzen hin. Meine Hände reißen an Zweigen, blind, verzweifelt. Dornen ziehen blutige Linien über meine Arme, aber ich spüre keinen Schmerz. Der Gärtner hält die Äste zurück, seine Bewegungen mechanisch, als hätte er diese Szene schon tausendmal durchlebt.
Ein Rascheln. Tief im Gebüsch. So leise.
„Lena?“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. Wie ein Gebet in die grüne Dunkelheit.
Stille. Endlose Stille.
Mein Herz setzt aus. Die Welt verschwimmt. Nein. Bitte. Nicht wie bei ihm. Nicht …
„Mama?“ Klein. Zögernd. Ihre Stimme, ihre wunderbare Stimme.
Mit zitternden Händen schiebe ich die letzten Zweige beiseite. Und da –Lena.
Dreckig. Glücklich. Lebendig. In ihrer schmutzigen Hand hält sie etwas.
„Mama, schau mal!“ Ihre Augen strahlen. „Er ist so bunt! Siehst du die ganzen Farben?“
Der Käfer verschwimmt vor meinen Augen. Ich falle auf die Knie, ziehe sie an mich. Ihr kleines Herz schlägt gegen meines – stark, gleichmäßig, unbekümmert. Leben. Warmes, kostbares Leben.
Ein Schluchzen. Nicht meins.
Ich blicke auf. Der Gärtner steht drei Meter entfernt, die Harke vergessen im Gras. Tränen laufen über sein gefurchtes Gesicht, aber er macht keine Anstalten, sie wegzuwischen. Seine Augen sind nicht auf Lena gerichtet, sondern starren durch sie hindurch, in eine andere Zeit, zu einem anderen Kind.
Unsere Blicke treffen sich. In seinen Augen sehe ich ein Echo meiner eigenen Angst – und etwas anderes. Eine Leere, so tief und dunkel wie ein endloser Brunnen.
Jetzt verstehe ich. Warum er hier ist. Warum er jeden Tag zurückkommt. Warum er harkt und harkt und harkt, als könnte er die Vergangenheit zusammenkehren und neu ordnen.
Seine Lippen bewegen sich. Kein Ton kommt heraus, aber ich lese die Worte: „Gott sei Dank.“
Ich nicke, halte Lena noch fester.
Er greift nach seiner Harke. Seine Hand zittert. Dann wendet er sich ab und geht, eine gebeugte Gestalt zwischen den Schatten der Bäume …
Abends stehe ich an ihrem Bett. Höre ihren Atem, gleichmäßig und tief. Ihre kleine Hand liegt auf der Bettdecke – die Hand, die heute den Käfer hielt. Die Hand, die ich wieder halten darf.
Auf der Fensterbank steht der Käfer im Glas, seine Flügel schimmern im Mondlicht. Morgen werden wir ihn freilassen. Wie der Gärtner seine Tochter freilassen musste, denke ich. Nur anders. So anders.
Freiheit hat einen Preis, das weiß ich jetzt. Aber die Knechtschaft der Angst hat einen höheren Preis.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, höre ich den Vers in mir, klar und deutlich wie eine Glocke. „Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“
Feststehen. In Freiheit.
Nicht in der Knechtschaft der Angst verharren.
Das ist der schmale Grat, auf dem ich tanzen muss. Den wir alle beschreiten müssen – Eltern, Kinder, jeder Mensch.
Morgen gehe ich wieder in den Park. Mit Lena.
Ich werde sie laufen lassen. Und ich werde wachsam sein.
Nicht aus Angst.
Aus Liebe.


