Hausnummer 42
Eine Geschichte vom Ankommen
Dreiundzwanzig Jahre.
So lange ist das her. So lange lebt er schon. Eine Zahl, die nichts bedeutet und doch alles.
Er bleibt kurz stehen, lässt die Menge auf dem Bahnsteig an sich vorbeiströmen. Geschäftsleute, Touristen, eine Frau mit zwei Koffern und einem Kind an der Hand. Alle wissen, wohin.
Er auch. Theoretisch.
Sein Daumen wischt über das Display: „Bahrenfelder 42 – hinten, oben“. Kein Stadtteil, kein Name. Drei Worte und eine Zahl. Mehr hatte sein Onkel nicht. Kurz hatte er gezögert, bevor er sie ihm gab. Hatte ihn angesehen, als wollte er fragen: Bist du sicher?
Er ist nicht sicher. Aber er ist hier.
Am Kiosk kauft er eine Brezel. Nicht weil er Hunger hat. Eher, weil man das so macht, wenn man irgendwo ankommt und nicht weiß, was einen erwartet. Er steckt sie in die Jackentasche.
Dann nimmt er die Rolltreppe runter in die Eingeweide des Bahnhofs, folgt den Schildern zur S-Bahn. Gleis 3, S31 Richtung Altona. Zwölf Minuten. Das Handy markiert den Weg: eine blaue Linie, sauber und eindeutig.
In der S-Bahn bleibt er gleich neben der Tür stehen. Es riecht nach feuchtem Wetter und fremden Jacken. Draußen ziehen Gleise vorbei, dann Backstein, dann Graffiti. „Die Adresse ist 20 Jahre alt”, hatte sein Onkel gesagt. „Probier es einfach.”
Dann die Stimme aus dem Lautsprecher: Altona.
Die Türen öffnen sich. Er steigt aus.
* * *
Die Bahrenfelder Straße ist lang. Länger als auf dem Display.
“Sie haben Ihr Ziel erreicht.”
Die Stimme aus dem Handy klingt so sicher. Der blaue Punkt steht still. Er schaut auf Haus Nummer 42 und ihm schwant: Hier fängt die Suche erst an.
Der Torbogen führt in einen Hof. Der Hof führt in einen zweiten. Der zweite in einen dritten. Altbauten stapeln sich übereinander, Fenster an Fenster, Geschichte an Geschichte. Hundert Jahre Mieter, Umzüge, Leben. Irgendwo dazwischen: einer, der vielleicht sein Vater ist.
Er geht von Eingang zu Eingang. Studiert die Namen an den Klingeln wie Hieroglyphen. Manche fehlen. Manche sind durchgestrichen. Manche kann er nicht lesen, andere sagen ihm nichts.
Ein alter Mann schlurft an ihm vorbei. “Entschuldigung, wissen Sie–”
Der Mann hebt die Hand, noch bevor er die Frage beendet. Geht weiter.
Er bleibt stehen. Der Hof ist still. Sein Handy zeigt ihm einen blauen Punkt, der behauptet, er sei am Ziel. Ist er nicht.
Er geht zurück zur Straße. Neben der 42 steht eine 42a. Dahinter eine Baulücke. Ein Zaun. Auf einem Zettel steht handgeschrieben: Eingang über Hof.
Er lacht kurz. Nicht, weil es lustig ist. Sondern weil ihm klar wird, was das Problem ist: Die Adresse ist vielleicht korrekt. Aber sie ist nicht eindeutig.
* * *
„Du suchst falsch.”
Er dreht sich um. Auf der Treppenstufe eines Hauseingangs sitzt eine Frau. Wollmütze, Plastiktüten neben sich. Sie hat ihn beobachtet. Er hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Sie gehört zum Straßenbild wie die Mülltonnen, die Fahrräder, die Schatten in den Torbögen.
Erst als sie spricht, wird sie sichtbar.
„Wen suchst du?”
„Meinen–” Er stockt. Das Wort fühlt sich falsch an. „Jemanden. Bahrenfelder 42. Hinten, oben.”
„Hinten ist groß. Oben ist relativ.”
„Ich weiß.” Er hebt das Handy, lässt es wieder sinken. „Das hier hilft nicht.”
„Nein.” Sie zieht die Nase hoch. „Das hilft hier nie.”
Nachdenklich sieht sie ihn an. „Ich hab Hunger”, sagt sie. Kein Betteln. Eine Feststellung. Er lächelt kurz, dann holt er die Brezel vom Hauptbahnhof aus seiner Tasche und gibt sie ihr.
Sie bricht sie in der Mitte durch, gibt ihm die Hälfte zurück. „Iss. Du siehst auch nicht gut aus.”
Er beißt ab. Die Brezel ist noch ein bisschen warm mit leichtem Salz-Geschmack. Den Rest steckt er wieder ein.
„Hinten, oben”, sagt er. „Mehr weiß ich nicht.”
Sie nickt, lächelt kurz, steht dann langsam auf. Langsamer, als er erwartet hat. „Komm mit, ich weiß, wer hinten oben wohnt und was die 42 heißt.”
* * *
Sie führt ihn durch ein Hamburg, das auf keiner Karte existiert.
Langsam geht sie vor. Durch den Torbogen, aber nicht in den Hof, den er dreimal durchsucht hat. Links, durch eine Lücke zwischen Mülltonnen, die er für eine Sackgasse gehalten hatte. Dahinter ein schmaler Gang, Wände so nah, dass seine Schultern sie fast streifen.
Es folgen Hinterhöfe, die in andere Hinterhöfe münden. Durchgänge, die aussehen wie Wände, bis man direkt davor steht. Treppen, die scheinbar nach unten führen und dann doch nach oben. Er hat schon lange die Orientierung verloren.
Irgendwann setzt der Regen ein. Fein, kaum spürbar, aber stetig.
Schließlich kommen sie in einen Hof, der schmaler ist als alle anderen. Hier riecht es nach feuchtem Putz und altem Holz.
„Die meisten klingeln vorne“, sagt sie. „Oder geben auf.“
Sie bleibt stehen, zeigt auf ein Treppenhaus ohne Licht. „Hier geht’s nach oben. Aber nicht die erste Treppe. Die zweite.“
„Woher wissen Sie das?“, fragt er.
Sie zuckt mit den Schultern. “Ab hier ist es deins.”
Er will etwas sagen. Danke. Oder eine Frage. Aber als er sich umdreht, ist sie schon weg – zurück in ihr Revier, das er nie finden würde.
Er steht allein vor dem Treppenhaus.
Der Regen tropft von seiner Jacke.
* * *
Die Treppe riecht nach altem Holz und feuchtem Stein. Kein Licht. Er tastet sich hoch, Hand am Geländer.
Zwei Türen. Er wählt die rechte, weil sie älter aussieht.
Dahinter klingelt ein Telefon. Einmal, zweimal, dann Stille. Dann wieder. Jemand versucht, jemanden zu erreichen. Er bleibt noch einen Moment stehen. Zählt unbewusst bis fünf. Dann bis zehn. Wartet. Dann dreht er sich um.
Die Stufen knarren leise unter seinem Gewicht. Im zweiten Stock kommt ihm ein Mann entgegen. Mitte fünfzig vielleicht, Jacke offen, als wäre er gerade kurz vor die Tür gegangen. Er lächelt, nicht überrascht – eher erleichtert.
„Da bist du ja.“
Er bleibt stehen. Der Satz trifft ihn unvorbereitet. Er räuspert sich, weiß nicht wohin mit den Händen. Seine Finger finden die Jackentasche, greifen hinein – und halten inne.
Die Brezel. Weich geworden vom Regen.
Er zieht die Hand zurück, die Brezel darin. Schaut drauf, als hätte er vergessen, dass sie da war. Steckt sie wieder ein.
Der Mann sieht es. Nur einen Moment.
Er nickt.
„Ohne sie wärst du nicht hier.“


