Ich will nicht mehr kämpfen
Eine Geschichte über Kontrolle, Angst – und den Mut, Gott zu vertrauen
Wir stehen auf der Deichkrone, vor uns das Meer, hinter uns grüne Wiesen. Der Wind zerrt an meiner Jacke, Salzgeruch liegt in der Luft.
Wie lange können wir hier stehen, frage ich mich, bevor wir über das reden müssen, was uns hierher gebracht hat?
„Halt mal“, sagt Sarah und drückt mir die Spule in die Hand. Die Schnur vibriert unter meinen Fingern, die Kraft überrascht mich.
„Spürst du das?“, fragt sie, „wie er kämpft?“
„Als wolle er weg“, sage ich.
„Will er auch.“ Ihre Stimme ist jetzt leiser. „Wir halten ihn trotzdem.“
Der Drachen knattert über uns, rot und weiß, sein langer Schweif malt wilde Muster an den Himmel. Ich ziehe die Leine an oder lasse sie locker, er steigt und sinkt. Schweigend sehen wir in den Himmel.
„Glaubst du wirklich“, sage ich leise, „dass alles gut wird, nur weil du glaubst?“
Sarah sieht mich an. „Nein. Der Drache fliegt nicht, weil ich glaube. Aber ich vertraue darauf, dass der Wind ihn trägt.“
Seit dem Ultraschall mit den unklaren Schatten am Herzen habe ich jede Nacht recherchiert: Ärzte, Therapien, Kliniken in drei Ländern. Ich habe Termine gemacht, Krankenkassen angeschrieben und Kosten kalkuliert. Sarah betet. Sie sagt, wir können nicht alles planen. Keiner von uns schläft.
„Ich habe einen Termin gemacht“, sage ich. „Bei einem Spezialisten in Hamburg. In zwei Wochen.“
„Und wenn sie sagen, es gibt keine Hoffnung?“, fragt sie leise.
Ich schlucke. „Ich dachte, es ist das Richtige.“
„Ach, Schatz.“ Sie seufzt leise. „Du hörst nicht auf zu ziehen, oder?“
Der Drachen zerrt an mir, einen Moment habe ich das Gefühl, die Leine könnte reißen.
„Vertrauen“, sage ich bitter, „fühlt sich an wie Nichtstun.“
„Aber Vertrauen heißt nicht Nichtstun.“ Sarah sieht mich direkt an. „Es heißt: Nicht selbst kontrollieren wollen. Nicht selbst kontrollieren müssen.“
„Es ist, als würde ich unser Kind im Stich lassen.“
Ich denke an meine Schwester. Down-Syndrom. Die Ärzte übersahen die Anzeichen, und meine Eltern zerbrachen beinahe.
Sarah schweigt. Dann nimmt sie meine Hand und legt sie auf ihren Bauch. Warm. Ruhig.
„Spürst du das?“, flüstert sie. „Es lebt. Nicht, weil du kämpfst. Es lebt einfach.“
Ich liebe dieses Kind mit einer Angst, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. Dunkel, überwältigend, schartig an den Rändern. Aber ich weiß, was es kostet, wenn einer kämpft und der andere vertraut. Ich habe gesehen, wie meine Eltern an genau dieser Kluft zerbrachen.
Ich wünschte, wir könnten einfach hier bleiben. Schweigend, die Schnur in der Hand, den Drachen über uns. Unberührt von Prognosen und Wahrscheinlichkeiten. Aber eine Angst wie diese bleibt nicht stehen. Sie beginnt, nach Terminen zu fragen, nach Antworten und Garantien.
Meine Fingerknöchel treten weiß hervor, als ich die Schnur noch fester packe. Der Drachen zerrt stärker, die Schnur schneidet in meine Haut.
Ich schaue auf Sarah. Ihr Blick ruht auf dem Horizont, wo Meer und Himmel verschwimmen. Ihre Kapuze flattert heftig im Wind, aber sie stemmt sich nicht dagegen. Sie streicht sich über den Bauch, ist einfach hier.
Zum ersten Mal in meinem Leben sehne ich mich nach diesem Vertrauen, das Sarah hat – so sehr, dass ich alles dafür geben würde.
„Wie machst du das?“, frag’ ich leise.
Sie lächelt. „Ich frage jeden Morgen um Hilfe. Und jeden Abend sage ich Danke.“
Ich nicke langsam. Vielleicht könnte ich das auch.


