Vom Scheitern an sich selbst
Eine Geschichte über den Abstand zwischen Wollen und Können
Kein Laut ist zu hören.
Nur das Geräusch von Absätzen auf dem schicken Pflaster aus gespaltenem Granit. Die Fußgängerzone ist voll, auch wenn hier niemand schlendert. Gleich ist Arbeitsbeginn. Menschen mit Hafermilch-Cappuccinos eilen zu den Büros in den oberen Etagen. Keiner hat Zeit, sich zu unterhalten.
Keiner hat Zeit, den Bettler dort auf dem Boden zu bemerken.
Jonas hat Zeit. Dieser Tag in Hamburg ist der letzte eines verlängerten Wochenendes.
Der Mann dort auf dem Boden ist jung, Anfang dreißig vielleicht. Und er sieht übel aus. Sein Gesicht ist von einer schorfigen Wunde entstellt und seine Hände sehen aus, als hätte ihr Besitzer in der vergangenen Nacht mit bloßen Händen Gruben ausgehoben: schmutzig, übersät von Wunden und mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln. Das silberne Feuerzeug, das neben ihm auf einer abgewetzten Decke liegt, gibt seinem Anblick etwas Surreales.
Alles an ihm ist abschreckend.
Vielleicht bemerkt ihn deshalb keiner.
Er hockt direkt vor der Auslage eines teuren Geschäfts für exklusive Männermoden. In der Hand hält er ein Stück Pappe:
ICH BIN SEBASTIAN. BITTE HELFT MIR.
Jonas bleibt stehen: „Hallo, Sebastian.“
Sebastian schaut auf. Seine Augen sind gerötet, sein Blick ist müde und leer. Jonas sieht, dass ihm ein Vorderzahn fehlt. Doch dann huscht für einen winzigen Moment so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht – als würde er Jonas’ Nervosität sehen, die Art, wie er dasteht. Unsicher. Bemüht.
„Einer, der meinen Namen liest“, sagt er. Trocken. Fast schon amüsiert. Seine Stimme klingt überraschend klar.
Jonas kramt in seinem Portemonnaie. Sein Blick streift die Scheine, dann öffnet er den vorderen Teil, den mit den Münzen. Nur ein Silberstück, aber da sind noch ein paar 20- und 50-Cent-Münzen. Jonas beugt sich ein wenig nach vorn und lässt das Geld in eine kleine Schüssel neben dem Schild fallen.
Sebastian nickt kurz und schaut dann wieder nach unten.
Jonas bleibt stehen. Öffnet den Mund. Schließt ihn dann wieder. Absätze klackern an ihnen vorbei.
„Der barmherzige Samariter“, schießt es ihm durch den Kopf. „Der ging nicht einfach weiter.“
Er ballt die Fäuste in den Manteltaschen.
„Dies ist mein Nächster! Hier. Direkt vor mir. Sebastian heißt er …“
„Mir tut das alles sehr leid“, sagt er.
Sebastian zeigt keine Reaktion.
Jonas spürt etwas in seiner Manteltasche. Richtig, da steckt noch der Schal, den er heute Morgen eingesteckt hatte, der Wetterbericht hatte nichts Gutes verheißen. Er holt ihn heraus, betrachtet ihn kurz. Ist ein Geschenk zum letzten Geburtstag. Er steckt ihn wieder ein.
„Da vorn ist ein Kaffee-Stand. Kann ich dir einen Kaffee holen und vielleicht ein belegtes Brötchen dazu?“
Sebastian schaut kurz hoch: „Schon gut, Kumpel. Ist nicht dein Bier.“
Jonas hebt die Hand – will sie auf Sebastians Schulter legen, ein Gebet anbieten vielleicht, irgendwas – und zieht sie zurück. Seine Finger krümmen sich.
Schweigen.
Er schaut auf seine Schuhe. Saubere Lederschuhe auf gespaltenem Granit.
„Soll ich fragen, wo er die Nacht verbringt?“ Der Gedanke kommt und geht. „Ob er etwas braucht für die Kälte?“
Es ist, als hätte Sebastian diese Frage gehört. „Lass gut sein, Mann. Mir kann keiner helfen.“
Jonas stockt, dann nickt er und wendet sich zum Gehen. Zehn Meter weiter bleibt er stehen. Lehnt sich gegen eine kalte Hauswand, tut so, als betrachte er ein Schaufenster. Seine Hand zittert, als er sich übers Gesicht streicht.
Hinter ihm das Klackern von Absätzen auf dem Pflaster. Unerbittlich. Rhythmisch. Wie ein Takt, der nie innehält.
Ich bin genau wie die anderen, denkt er. Mit meinem Cappuccino und meinem Bibelwissen. Ich weiß vom Samariter. Ich zitiere Jesus. Und dann stehe ich da und schaffe es nicht mal, einem Menschen in die Augen zu schauen.
Er presst die Handflächen gegen die Wand. Kühler Stein. Er zieht den Mantel enger, sein Atem stockt.
Das silberne Feuerzeug fällt ihm ein. Sorgfältig platziert auf der abgenutzten Decke. Wie ein letztes Stück Identität.
Mir kann keiner helfen, hatte Sebastian gesagt. Aber Jonas weiß: In Wirklichkeit hat er es gar nicht erst versucht. Er hat versucht, sich selbst zu beruhigen. Geld gegeben, um weitergehen zu können. Ihm wird heiß. Die Absätze werden lauter, schneller – oder bildet er sich das ein? Dieses ewige Stakkato, dieser gnadenlose Puls der Welt. Eine Welle der Scham steigt vom Bauch in die Brust.
Er gehört zu ihnen. Zu denen, die vorbeigehen.
Als er sich noch einmal umdreht, sieht er, wie Sebastian seine Decken zusammenkramt und weiterzieht.
„Vergib mir“, flüstert Jonas. Ob er Sebastian meint oder Gott oder sich selbst, weiß er nicht.


