Von Grasbüschel zu Grasbüschel
Eine Geschichte über das Verlorengehen
08. September
Heute war es im Gottesdienst wieder richtig schön. Pastor Reiner hat über Psalm 23 gepredigt – mein Lieblingspsalm! Danach habe ich mit Miriam noch beim Kaffee zusammengesessen. Ihre Tochter Emma hat mir stolz ihre Bastelei gezeigt, ein Schaf aus Wattebällchen. In der Predigt hatte Reiner erzählt, wie Schafe ohne Hirten orientierungslos werden können.
Miriam meinte, ich sollte unbedingt beim nächsten Gemeindefest wieder im Organisationsteam mitmachen. Ich hätte schon Lust, bin mir aber nicht sicher, ob ich das zeitlich hinkriege. Morgen startet das neue Projekt bei der Arbeit. Ich bin schon sehr gespannt.
Aber erst mal genieße ich diesen entspannten Sonntag. Die Gemeinschaft mit den anderen tut einfach gut. Danke, Jesus 🥰
15. September
Das Projekt läuft super an! Nora aus dem Team ist echt klasse, wir ergänzen uns perfekt. Sie hat mich zum Mittagessen eingeladen und wir haben uns lange unterhalten. Sie erzählte von ihrem Wochenende, von einer Wanderung, bei der sie komplett abgeschaltet hat. Wie sie das macht, einfach im Moment sein, komplett abschalten. Das klang so … einfach.
Abends war ich zu müde für den Hauskreis, aber ich hab beim Einschlafen noch Psalm 23 gelesen. Der Herr ist mein Hirte … und irgendwie fühlt sich gerade alles richtig an.
Nachts beim Schlafen hatte ich diesen komischen Traum: Ich stehe in einer leeren Kirche und finde die Ausgangstür nicht.
3. Oktober
Heute sind Nora und ich zusammen beim Italiener gewesen. Wir haben uns wieder super unterhalten. Sie hat von ihrer Yoga-Lehrerin erzählt und wie sehr ihr die Morgenroutinen helfen, bei sich selbst anzukommen „Ich war früher auch immer so gestresst“, meinte sie, „aber seit ich diese Achtsamkeitsübungen mache …“ Sie strahlte dabei richtig.
Vorhin hat Miriam angerufen, ob bei mir alles okay ist. Sie meinte, sie vermisst mich im Gottesdienst. Ich hab kurz überlegt, ich war tatsächlich die letzten drei Wochen nicht mehr da. Aber momentan bin ich sonntags einfach zu erschöpft.
Abends mache ich noch einen Spaziergang. Vielleicht probiere ich das mit den Morgenübungen auch mal aus. Kann ja nicht schaden, oder?
25. Oktober
Heute war ich bei diesem kostenlosen Schnupperkurs „Leben im Hier und Jetzt“. Eine andere Kollegin aus dem Team hatte mir den Flyer mitgebracht: „Falls es dich interessiert.“ Der Stress im Projekt ist gerade wirklich heftig. Sieht man mir das so sehr an?
Der Kursleiter meinte, wir sollen alte Glaubenssätze loslassen. In dem Moment nickte ich. Ja, genau, einfach loslassen. Aber heute Nacht konnte ich trotzdem nicht richtig schlafen. Lag wach und starrte an die Decke.
Das Projekt fordert immer noch viel Zeit. Der Chef hat mich gefragt, ob ich auch das Folgeprojekt leiten will. Die Einladung zum Gemeindefest liegt noch unbeantwortet auf meinem Schreibtisch. Kurz spüre ich einen Stich: Wer das wohl organisiert hat?
12. November
Letzte Woche habe ich mir endlich die neue Laufausrüstung gekauft! Inzwischen ist die Morgenrunde vor der Arbeit mein absolutes Highlight. Ich möchte es nicht mehr missen, erst die kurze Yoga-Session für den Kopf und dann der Lauf für den Körper. Ehrlich, es gibt nichts Besseres, um den Tag gut zu beginnen.
Gestern meinte der Chef, ich sollte zum Führungskräfte-Seminar nach München fahren, das wäre super für meine Karriere. Es ist zwar ausgerechnet das Wochenende vom Gemeindefest, aber solche Chancen muss ich nutzen, oder?
Die WhatsApp von Miriam, ob ich komme, hab ich gesehen … beantworte ich morgen. Jetzt erstmal meditieren und runterkommen und dann früh ins Bett.
Letzte Nacht hatte ich wieder diesen Traum von der leeren Kirche. Diesmal war die Tür nicht nur verschlossen – ich konnte sie nicht einmal mehr finden.
30. November
Die neue Sonntagmorgen-Wandergruppe ist echt klasse! Heute waren wir schon um 8 Uhr unterwegs. Der Sonnenaufgang war atemberaubend.
Das Führungskräfte-Seminar letzte Woche war super inspirierend. Der Coach meinte, ich hätte echtes Potenzial. Nächstes Jahr soll ich das Team in der Außenstelle mit aufbauen.
Pastor Reiner hat mir wegen der Weihnachtsfeier in der Gemeinde geschrieben. Ob ich Lust drauf hätte, da was zu machen? Puh, das wird schwierig. Ich habe jetzt schon drei Termine an dem Wochenende.
15. Dezember
Heute Morgen bin ich extra früh aufgestanden. Ich möchte ein bisschen allein sein, ohne Gruppe, einfach nur ein bisschen wandern. Irgendwie fühle ich mich in letzter Zeit … ich weiß auch nicht. Leer vielleicht? Dabei läuft alles super.
An der alten Kapelle am Waldrand habe ich kurz Pause gemacht. Während ich auf der morschen Bank sitze und an meinem Käsebrötchen mümmele, kommt ein älterer Mann den Weg hochgelaufen, ein Schaf quer über die Schultern gelegt. Er schnauft schwer, aber seine Augen strahlen. Das Tier hat den Kopf an seine Schulter gelehnt und scheint völlig entspannt.
Ich muss ihn wohl komisch angesehen haben, denn er nickt mir kurz zu und bleibt stehen. „Hab’s gerade gefunden, oben in den Brombeeren. War schon ein paar Tage weg. Hatte sich verirrt.“
„Wie verirrt sich denn ein Schaf? Die bleiben doch normalerweise bei der Herde?“
Seine Antwort trifft mich völlig unvorbereitet: „Sie knabbern sich einfach verloren. Sie gehen von einem Grasbüschel zum anderen, bis sie sich schließlich verirrt haben.“ Er zuckt die Schultern. „Gut, wenn sie jemanden haben, der sie sucht.“
Jetzt stehe ich hier am Fenster. Draußen wird es langsam dämmrig, aber ich sehe es kaum. Vor mir ist nur das Bild: der alte Mann, das Schaf auf seinen Schultern, dieser ruhige Blick.
„Sie knabbern sich einfach verloren.“
Meine Hände zittern.
„Der Herr ist mein Hirte“ – wie lange habe ich nicht mehr wirklich darüber nachgedacht, was das bedeutet?
Zum ersten Mal seit Monaten knie ich mich wieder hin.
Ich spüre, wie mir Tränen über die Wangen laufen.
Danke, Jesus 🥰
Ich bin euch noch die Fortsetzung der letzten Geschichte schuldig. Habt bitte Geduld, im Moment weiß ich nicht, wie ich sie weiterschreiben soll.
Jörg „manchmal müssen wir warten, bis das Schaf merkt, dass es verloren ist“ Peters


