Was tun, wenn auch Schreiben nicht die Leere füllt
Wenn du alles richtig machst – und trotzdem etwas fehlt.
Geh am frühen Abend ins Café Baum.
Such einen Mann mit aufgeklapptem Notebook und orangefarbener Jacke. Das ist Jonas. Starre NICHT auf das schlichte Holzkreuz um seinen Hals, die Notizen mit „BULLSHIT“ über jedem zweiten Satz oder die Art, wie er sein Franzbrötchen zerbröselt, ohne zu essen.
Bestell ihm einen doppelten Espresso. Frage ihn nicht, wie viele Follower er hat oder ob seine Posts gut laufen. Erwähne nicht das Wort „Algorithmus“.
Jetzt kommt der schwierige Teil: Setz dich schweigend neben ihn. Schau nicht auf seinen Bildschirm, nicht auf seine Hände, die reglos über der Tastatur schweben. Halt die Stille aus. Lass sie zwischen euch stehen wie eine Wand. Lass ihn austrinken. Warte, bis er dir etwas von seinem Franzbrötchen anbietet.
Dann frag ihn: „Bist du der Autor von ‘Imago Dei – Gottes schöpferisches Wesen und das Schreiben’ – dem Text darüber, warum wir Menschen überhaupt kreativ sind?“ Sag dann: „Starker Text. Mir gefällt deine Perspektive …“
Eines von zwei Dingen wird passieren.
Entweder klappt Jonas sein Notebook zu. Langsam, ohne ein Wort, nur seine Kiefer verkrampfen sich … Wenn das passiert, dann sag, dass du einen Termin vergessen hast und dringend losmusst. GEH DANN SOFORT.
Oder Jonas wird dir von den Jahren erzählen, die er für Likes schrieb statt für Leben. Von den Posts, die er nach Algorithmus-Regeln bastelte, den Texten, die er nie abschickte, weil sie ihn angreifbar machten und den Morgenstunden, in denen er seine Zahlen checkte, bevor er seine Kinder küsste. Von dem Abend, an dem er 50.000 Follower feierte – und sich fragte, warum sein Leben so leer ist. Von den Nächten, in denen er betete: „Gott, ist das alles?“
Schließlich wird er über den Tag sprechen.
Den Tag, als ein Post von ihm viral ging und explodierte. Tausende neue Follower auf einen Schlag! Er hatte ihn nebenbei geschrieben, abends auf dem Sofa, während der Fernseher lief. Neun Minuten für 317 Wörter: irrelevant, provokativ, geboren aus dem Hunger nach Likes. Er badete im Erfolg. Dann kam der Kommentar, der alles zerstörte: „Du bist begabt, aber du baust keine Räume, die Gott ehren. Du baust Bühnen für dich selbst: viel Ich, wenig Sinn. Menschen feiern sich und vergessen den, dem sie danken sollten (Römer 1,21).“
Dann wird er mit entrückten Augen diesen Augenblick erneut erleben. Du kannst dir einen Kaffee bestellen, etwas von seinem Franzbrötchen essen oder einfach gar nichts tun. Es ist egal.
Seine Hand wird zum Kreuz an seinem Hals wandern. Nur kurz, fast unbewusst. „Du hattest recht.“ Ein Hauch nur. Er meint den Mann aus dem Kommentar.
Dann wird er dir in die Augen schauen: „Nach so einem Kommentar macht man nicht einfach weiter. Die Wahrheit ist … manchmal will ich einfach nur die Likes zurück. Aber ich habe mich entschieden, für Wahrheit zu schreiben statt für Zahlen. Du verstehst das, du kennst die Leere.“
Du nickst.
Frag ihn jetzt, wie er seine Leere gefüllt hat.


